Das Anschreiben

Berta hatte am Bahnhof eine gutgehende Gastwirtschaft. Besonders am Wochenende trafen sich dort Leute aus dem Dorf, um bei einer Flasche Bier zu klönen. Zu den Stammgästen gehörte auch Hinnerk aus Wetschen. Der konnte wunderbar erzählen. Bloß manchmal, da wusste man nicht so genau, ob das, was er sagte, wahr oder erlogen war. Aber darauf kam das gar nicht an. Die Gäste freuten sich immer, wenn er bei Berta in der Gaststube saß. Einen Fehler hatte der Muschepunt aber. Er konnte sein Geld nicht richtig einteilen. In der ersten Woche im Monat bezahlte er seine Zechschulden aus dem letzten Monat. Dann war sein Geld alle. Und dann? Ja dann, dann ließ er wieder seine Zeche bei Berta anschreiben.

Wenn in Hinnerk seinem Portemonnaie mal wieder Ebbe war, freute er sich, wenn Berta ihr Mann, Friech, hinter der Theke stand und nicht Berta. Friech war das egal, ob Hinnerk Geld in der Tasche hatte oder nicht. Damit Hinnerk seine Schulden nicht zu hoch wurden, vergaß Friech auch mal eine Runde, die Hinnerk bestellt hatte, aufzuschreiben. Mit dieser Regelung waren beide einverstanden. Friech hatte jemand, mit dem er sich was erzählen konnte und Friech kam der Aufenthalt in Bertas Gaststube nicht so teuer. Bloß Berta, die hatte eine andere Philosophie. Sie vertrat den Standpunkt: ‚Ohne Moos nichts los’. Auch hatte sie schon längst gemerkt, dass Hinnerk länger sitzen blieb und weniger verzehrte, wenn Friech Thekendienst hatte. Das sollte nun anders werden. Ab sofort, sollte Hinnerk alles was er bestellte auch sofort bezahlen. Es sollte nichts mehr angeschrieben werden. Weil Berta damit rechnete, dass Friech nicht so hart durchgreifen würde, wie sie das angeordnet hatte, gab es noch eine weitere Anweisung. Friech sollte Berta sofort Bescheid sagen, wenn Hinnerk eintreffen würde und selbst aus der Gaststube verschwinden. Die resolute Berta war davon überzeugt, dass sie die Sache in den Griff bekommen würde und sie die Zahlungsmoral von Hinnerk ändern könne.

Am nächsten Vormittag hatte Hinnerk im Dorf wieder einige Neuigkeiten gehört, die er unbedingt sofort Friech erzählen wollte. Als er in die Gaststube kam, wunderte er sich, dass Friech nicht da war, sondern Berta. Er hatte doch gesehen, dass Friech sein Viehwagen auf dem Hof stand. Sonst hatte Berta kurz vor Mittag doch nie Zeit zum Bedienen. Weil Berta ihn in letzter Zeit schon öfters abgekanzelt hatte, wollte er mit Berta kein längeres Gespräch führen. Außerdem wusste er, dass es bei Berta nichts umsonst gab. Die Neuigkeiten wollte er Berta nicht erzählen und lieber gegen Abend noch einmal einkehren, wenn Friech anwesend sei. Er blieb deshalb an der Theke stehen.

Weil sich beide nicht grün waren, kam kein richtiges Gespräch zwischen den Beiden zustande. „Berta, gib mir man einen Schluck Ich habe nicht viel Zeit und will auch gleich weiter“, sagte Hinnerk. Berta gab ihm den Schluck. Der war ja nicht so teuer und wenn er gleich wieder weg wollte, konnte die Zeche ja auch nicht so hoch ausfallen. Hinnerk trank den Schnaps und sagte: „Gieß man noch einen ein und dang guck mal zu, da muss noch ein Zettel von mir liegen. Ich habe gestern nicht alles bezahlt.“ Berta war ganz baff. Das war ja ein ganz anderer Schnack von Hinnerk. Sie brauchte den Zettel nicht zu suchen. Den hatte sie schon parat gelegt. Innerlich freute sie sich, dass sie von Hinnerk ohne Aufforderung das Geld kriegen würde. Deshalb hatte sie auch nichts dagegen, dass er noch einen Schluck und ein Bier bestellte.

„Berta, was hast du eben gesagt, was steht auf dem Zettel?“, fragte Hinnerk, „und dann gieß man noch einen Schluck ein.“ Berta sagte ihm den Betrag. Hinnerk trank seinen Schnaps aus, setzte seine Mütze auf und sagte: „Dann schreibe diese Zeche man noch dabei. Tschüss Berta!“

Das Missverständnis

Dicht beim Bahnhof betrieb Fritz einen Vieh- und Kohlenhandel. Außerdem hatte er eine gutgehende Gastwirtschaft. Da war immer was los. Die Bauern lieferten teilweise ihre Ferkel und Schweine dort selbst an. Andere ließen auf der großen Waage Kartoffeln oder Getreide wiegen. Einige Leute holten Kohlen und wieder andere wollten dort bloß ihren Durst stillen. Damals ließ man sich bei solchen Gelegenheiten viel mehr Zeit. Auch das Autofahren mit Alkohol im Blut war bei dem geringen Verkehr noch möglich. Viele Gäste kamen aber zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Wenn dort erst ein Fahrrad oder Auto stand, dann dauerte es nicht lange, dann standen da mehrere. Man unterhielt sich und prostete sich zu. Bei der Gelegenheit hörte man auch, was es im Dorf oder in der näheren Umgebung für Neuigkeiten gab. Manchmal wurde auch gestritten oder, wenn man nichts Neues wusste, redete man darüber, was man sich letzte Woche schon erzählt hatte. Auf jeden Fall ging die Zeit in der Gastwirtschaft am Bahnhof viel schneller hin als zu Hause.

Dort kamen auch andere Viehhändler, die Ferkel und Schweine bei den Bauern aus der näheren Umgebung gekauft hatten. Sie ließen diese bei Fritz wiegen oder lieferten diese bei ihm zum Weiterverkauf ab. Diese Viehhändler holten die Tiere mit einem eigenen kleinen LKW bei den Bauern ab. Oft wurden die Tiere bei Fritz auch zu größeren Partien zusammengestellt und anschließend mit der Bahn oder einem größeren LKW weitertransportiert. Zu diesen Viehaufkäufern gehörten auch Heinch[1] aus Barver und Schorse[2] aus Wagenfeld. Diese beiden trafen sich fast jeden Tag bei Fritz.

So war das auch an einem Sommertag Die Sonne schien prall vom Himmel und gab alles was sie konnte. Das Thermometer zeigte im Schatten 30 Grad Wärme an. An diesem Tag war Schorse nicht als Viehhändler unterwegs, sondern als Leichenbestatter. Er hatte einen Mann, der im Krankenhaus in Diepholz verstorben war, von dort abgeholt. In seinem schwarzen Auto war es heiß und die Luft war enorm trocken. Als er durch Wetschen fuhr, dachte er an Fritz seine kühle Gaststube. Wie ein Wunder lief das Auto fast von alleine Richtung Bahnhof und blieb vor der Gastwirtschaft einfach stehen.

Schorse stieg aus und ging in die Gaststube. Dort machte Fritz seine Frau, Erna, Thekendienst. Er wollte sich nicht lange aufhalten und blieb an der Theke stehen. Er bestellte sich einen Schnaps und eine Flasche Bier. Erna fing mit Schorse sofort ein Gespräch an. Dass dieser einen schwarzen Anzug an hatte, war ihr gar nicht aufgefallen. „Mensch, Schorse, nun setz dich doch einen Augenblick hin. wir beide können doch auch ein bisschen schnacken, wenn auch sonst keiner da ist. Viehhändler Heinch soll wohl gleich wiederkommen. Der ist bloß noch eben nach Hemsloh gefahren und holt von dort eine Partie Ferkel. Der war heute Morgen schon einmal da und hat einige fette Schweine gebracht.“

Nein, hinsetzen wollte sich Schorse nicht und erzählte, dass er einen Toten im Wagen habe. Erna ging davon aus, dass Schorse mit seinem Viehwagen Schweine bringen wollte, und sagte: „Das ist doch nicht schlimm. Den schmeiß man einfach hinter dem Schweinestall in die Tonne. Der Abdecker kommt morgen. Heinch hat heute Morgen dort auch schon einen hingeschmissen.“

[1] Plattdeutsch für Heinrich

[2] Plattdeutsch für Georg

Dreckige Steckrüben

In Fritz seiner Gaststube war damals auch oft der Eisenbahner Heinz anzutreffen. Das war ein geselliger Gast mit viel Humor. Er arbeitete bei der Güterabfertigung in Diepholz. Eines Tages sagte die Stiefmutter von Fritz zu Heinz: „Du, Heinz, hör mal zu. Du fährst doch fast jeden Tag nach Diepholz. Kannst du mir nicht von dort zwei oder drei Steckrüben mitbringen? Du tust mir damit einen großen Gefallen.“ „Wenn das weiter nix ist“, sagte Heinz, „den Gefallen kann ich dir wohl tun. Das kann angehen, dass ich die schon heute Abend mitbringe.“

An dem Tag ist da aber nichts von geworden. Heinz hatte das in Diepholz ganz und gar vergessen. Als er abends in der Gaststube von Fritz seinen Dämmerschoppen machen wollte und er Oma auf dem Flur begegnete, fielen ihm seine Sünden wieder ein. Nun versprach er Oma erneut, die Steckrüben am nächsten Tag mitzubringen. Bloß das hätte Heinz man nicht so leichtfertig zusagen sollen. Denn auch am nächsten Tag passierte das Gleiche wie am Tag zuvor. Heinz dachte in Diepholz an alles andere aber nicht an Omas Steckrüben. Erst als er auf dem Nachhauseweg ein kleines Steckrübenfeld sah, dachte er daran. Sofort hielt er mit seinem Moped an. Dabei schimpfte er vor sich hin: „Nun habe ich Oma ihre „Oldenburger Südfrüchte schon wieder vergessen. Was denkt die Frau wohl von mir? Die sagt nachher bestimmt zu mir, dass ich ein ganz verlogener Kerl bin. Nein, nein, das kommt nicht in Frage. So wahr wie ich Heinz Klingeling heiße, heute kriegt Oma ihre Steckrüben.“ Er stellte sein Moped an einen Baum und ging zu dem Feld mit den Steckrüben. Es dauerte nicht lange und er hatte zwei schöne Exemplare gefunden. Er zog diese aus der Erde und ging damit zu seinem Moped. Dort nahm er aus seinem Tornister die Diepholzer Kreiszeitung und wickelte die beiden Steckrüben damit ganz akkurat ein. Die Verkäuferin in Diepholz hätte das nicht besser machen können. Frohen Mutes fuhr er mit seinem Moped weiter und überbrachte Oma die Steckrüben.

Aber jetzt kam für Heinz ein ganz schlimmer Akt. Oma wollte die Steckrüben sofort bezahlen. Aber Heinz wusste doch gar nicht was Steckrüben im Laden kosten. Deshalb sagte er, dass er ihr die Steckrüben schenken wolle. Aber das wollte Oma wieder nicht. Dass er die Steckrüben vom Feld geholt hatte, das durfte er ihr auf keinen Fall sagen. Dann hätte sie die Steckrüben gar nicht erst angenommen. Nein, er musste sie bei dem Glauben lassen, dass er die beim Gemüsehändler in Diepholz gekauft habe. Er überlegte nicht lange und sagte: „Oma, wenn du die unbedingt bezahlen willst, dann gib mir man 55 Pfennig und wir sind quitt.“

Heinz freute sich innerlich, dass er das Problem so schnell und einfach gelöst hatte. Aber dem war nicht so. Oma besah sich die Steckrüben und schüttelte mit dem Kopf. Heinz fing schon an zu überlegen, was er wohl falsch gemacht haben könnte. War der Preis zu hoch oder zu niedrig? Dann aber sagte Oma: „Heinz, das will ich dir sagen, deine 55 Pfennig sollst du haben, aber das nächste Mal sagst du der Verkäuferin, sie soll die Steckrüben, wenn sie die verkaufen will vorher besser abputzen. Guck mal, was sitzt hier viel Erde dran.“ „Ja, ja, Oma da hast du recht“, sagte Heinz und machte schnell, dass er aus der Tür kam. Das war auch wohl das Beste, was er machen konnte. Vielleicht hätte er sich sonst doch noch verbabbelt.[1]

[1] Plattdeutsch für verplappert

Leben nach Vorschrift

„Meine Damen und Herren“, bölkte der Redner auf einer Wahlversammlung in den Saal von der Kaiserhalle in Diepholz. „Wer findet sich noch zu Recht bei all den vielen Verordnungen bezüglich der Ernährungswirtschaft? Ich glaube wohl keiner. Ich glaube auch bestimmt annehmen zu dürfen, dass sich hier im Saal keine einzige Person befindet, die nicht auf irgendeine Art und Weise diese Verordnungen übertreten hat. Sollte das dennoch der Fall sein, bitte ich die betreffende Person sich zu melden.“

Da stand ein älterer Herr auf. Der stellte sich als Hermann aus Dickel vor und sagte mit energischer Stimme: „Ich bin so ein Kerl.“

„Wie bitte?“, fragte der Redner erstaunt. „Sie wollen sich, was Ernährung anbelangt, ganz genau nach den gesetzlichen Vorschriften gerichtet haben? Das glaube ich nicht.

“Das ist richtig“, sagte Hermann. „Wenn ich das sage, dann stimmt das auch. Da können Sie Gift drauf nehmen.“

Der Redner wurde sichtlich nervös und fragte weiter: „Sie haben sich in den letzten Jahren überhaupt kein bisschen Fleisch ohne Lebensmittelkarten oder nicht mal ein Ei hintenherum besorgt? Haben Sie niemals mehr Brot gegessen, als Ihnen zustand? Haben Sie keinerlei Tauschhandel betrieben oder irgendwelche Waren auf dem Schwarzen Markt eingekauft?“

Hermann bölkte nun genau so laut wieder zurück: „Auch das nicht!“

Ungläubig fragte der Redner: „Dann haben Sie sich sicher während der Nachkriegsjahre im Ausland aufgehalten.“

„Nein, Nein!“, grinste Hermann, „ich bin noch niemals in fremden Ländern gewesen. Ich war zu der Zeit in Deutschland, aber dort, wo man ganz genau nach Vorschrift leben muss. Ich habe bis gestern im Knast gesessen.“